Angst- und Panikstörungen
Angst ist ein Gefühl, das wohl jedem Menschen bekannt ist. Es ist aber
trotzdem sehr schwer, den Begriff der Angst allgemeingültig zu definieren.
Grundsätzlich kann sie wohl als ein unangenehm empfundenes Gefühl
von Bedrohung beschrieben werden. In diesem Rahmen hat Angst durchaus auch
eine nützliche Funktion, da sie ein Alarmsignal ist, das Aktivitäten
zur Beseitigung einer Gefahr auslösen kann. Nach Beseitigung dieser Bedrohung
sollte aber auch die Angst verschwinden.
Bei der krankhaften Angst (Phobie) ist es aber so, dass die natürlichen
körperlichen und geistigen Abwehrfunktionen wie gelähmt sind. Angst
kann besonders dann als Krankheit angesehen werden, wenn sie scheinbar grundlos
auftritt oder übermäßig oder gar nicht ausgeprägt ist.
Unter der Bezeichnung Angst- und Panikstörung werden folgende unterschiedliche
Formen zusammengefasst:
• generalisierte Angst, die den Betroffenen ohne äußeren
Anlass überfällt
• phobische Angst, die sich als eine zwanghafte Befürchtung zeigt,
die sich angesichts bestimmter Situationen und Objekte aufdrängt, obwohl
der Patient die Unbegründetheit dieser Angst erkennt
• Panik, die eine ohne sichtbaren Anlass entstehende intensive Angst
bezeichnet, und die meist attackenartig auftritt.
Im Zusammenhang mit diesen Störungen treten sowohl seelische als auch
körperliche Beschwerden auf. Die Folgen der Erkrankung führen häufig
zu einer Beeinträchtigung des sozialen Bereichs. Früher wurde die
Angst- und Panikstörung als eine Form der Neurose bezeichnet, inzwischen
wird der Neurosebegriff allerdings nur noch selten verwandt. Angst ist eine
der häufigsten psychischen Störungen. Bei etwa 10% der Allgemeinbevölkerung
findet sich Angst in einem behandlungsbedürftigen Ausmaß. Dabei
sind Frauen häufiger betroffen als Männer. Selten liegt der Erkrankungsbeginn
nach dem 45. Lebensjahr. Die einzelnen Formen der Angst- und Panikstörung
unterscheiden sich bezüglich ihrer Häufigkeit. Dabei sind die spezifischen
Phobien, z.B. Höhenangst, Angst vor geschlossenen Räumen (Klaustophobie)
am weitesten verbreitet, sie werden aber nur relativ selten psychiatrisch
behandelt. Dahingegen tritt die Panikstörung zwar relativ selten auf,
ist aber am häufigsten behandlungsbedürftig.
Grundlagen und Ursachen
Über die Entstehung von Angst bestehen verschiedene, vielschichtige Theorien.
1. Psychoanalytische Theorien
Dieser Ansatz geht davon aus, dass die Bildung von Symptomen fast immer den
Zweck hat, konflikthafte Bestrebungen und Einstellungen im Individuum durch
einen Kompromiss miteinander zu versöhnen und so das psychische Gleichgewicht
aufrecht zu erhalten. Misslingt eine solche Konfliktlösung tritt Angst
auf. Auch wird angenommen, dass die betroffene Person in ihrer Entwicklung
nicht die Fähigkeit entwickeln konnte, mit normaler Angst umzugehen.
In konflikthaften Situationen erlebt die Person deshalb eine Überforderung,
und es können alte kindliche Ängste in ihr aufsteigen. Auch treten
besonders bei drohendem Verlust einer nahestehenden Bezugsperson oder sozialen
Anerkennungsverlusten akute Ängste wie z.B. Trennungsangst auf. Was die
Entstehung von Phobien angeht, so vermutet die psychoanalytische Theorie folgenden
Mechanismus: Treten innerhalb eines Individuums Konflikte auf (z.B. verdrängte
sexuelle Phantasien) werden diese durch Abwehrmechanismen nach außen
verlagert. Bei einer Phobie hat der Betroffene dann nicht eigentlich Angst
vor dem wirklichen Objekt, auf das er phobisch reagiert, sondern er fürchtet
in Wahrheit die unbewusste Phantasie, die mit diesem Objekt in Verbindung
steht. Die äußere steht also für eine innere Angst.
2. Lerntheoretische Erklärungen
Diese Erklärungen eignen sich insbesondere für die Beschreibung
der Entstehung von Phobien. Es wird ein mehrstufiger Prozess angenommen. Zunächst
"erlernt" eine Person die Angst vor einer ehemals neutralen Situation.
Es kann auch Angst vor einer Situation oder einem Objekt erworben werden,
mit der die Person selbst noch nie schlechte Erfahrungen gemacht hat. So kann
beispielsweise bei einem Kind schon Angst vor einer Maus entstehen, weil es
gesehen hat, mit welcher Angst seine Mutter auf den Anblick einer Maus reagiert
hat. Durch diese Beobachtung hat es gelernt, dass eine Maus etwas ist, wovor
man Angst haben muss.
Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Angst spielt auch die Wahrnehmung
körperlicher Symptome eine wichtige Rolle. Verspürt eine Person
Angst, stellen sich bei ihr körperliche Reaktionen wie z.B. Herzrasen
ein. Diese Symptome werden vom Betroffenen subjektiv als Gefahr gedeutet,
was dazu führt, dass das Angstgefühl noch verstärkt wird. Das
wiederum trägt im Rahmen einer Stressreaktion zur Verstärkung der
körperlichen Symptome bei. Es hat sich auf diese Weise ein Teufelskreis
gebildet, der die stete Zunahme der Angstsymptomatik bewirkt.
Die Lerntheorie kann auch erklären, warum es im Zusammenhang mit Panikstörungen
zum Auftreten von Erwartungsangst kommt. Durch das eventuell wiederholte Auftreten
einer Panikattacke wird Angst vor weiteren Attacken ausgelöst; eine Angst
vor der Angst entsteht.
Symptomatik und Untertypen
1. Panikstörung
Bei dieser Erkrankung treten wiederholt Panikattacken auf. Unter Panikattacken
versteht man das plötzliche Auftreten intensiver Angst. Innerhalb weniger
Minuten steigert sich die Angst zu einem Höhepunkt. Neben psychischen
Anzeichen treten auch ausgeprägte körperliche Symptome wie Herzrasen,
Beklemmungsgefühle, Atemnot und Zittern auf. Viele Patienten empfinden
starkeTodesangst. Häufig entwickelt sich eine Erwartungsangst vor der
nächsten Attacke, auch sozialer Rückzug kann eine Folge der Panikstörung
sein. Die Dauer einer Panikattacke schwankt von einigen Minuten bis zu einigen
Stunden, in den meisten Fällen hält sie aber 10 bis 30 Minuten an.
Wenn die körperlichen Symptome einer Panikstörung sich auf das Herz
konzentrieren, spricht man von einer Herzphobie. Von dieser Form der Panikstörungen
sind am häufigsten Männer im mittleren Lebensalter betroffen. Sie
wird vermutlich oft durch eine Herzerkrankung im näheren Umfeld des Patienten
ausgelöst oder auch durch allzu intensive Beschäftigung mit diesem
Krankheitsbild. Angst allgemeingültig zu definieren. Grundsätzlich
kann sie wohl als ein extrem unangenehm empfundenes Gefühl von Bedrohung
beschrieben werden. Angst hat im Zuge der Evolution durchaus auch eine nützliche
Funktion, da sie ein Alarmsignal ist, das Aktivitäten zur Beseitigung
oder zum Vermeiden einer Gefahr auslösen kann. Nach Beseitigung dieser
Bedrohung sollte aber auch die Angst verschwinden.
2. Generalisierte Angststörung
Hierbei handelt es sich um langanhaltende Angst, die nicht nur auf bestimmte
Situationen oder Objekte begrenzt ist. Der Patient kann sich nur kurzfristig
von dieser Angst ablenken oder distanzieren. Es zeigen sich folgende typische
Symptome:
• Motorische Spannung, die durch Zittern, Muskelanspannung und Ruhelosigkeit
gekennzeichnet ist.
• Unkontrollierbare Übererregbarkeit, die sich durch Beklemmungsgefühle,
Schwitzen, Mundtrockenheit und Schwindel äußert.
• Übermäßige Wachsamkeit und erhöhte Aufmerksamkeit,
die sich durch ein Gefühl der Anspannung, übermäßige
Schreckhaftigkeit, Ein- oder Durchschlafschwierigkeiten und Reizbarkeit bemerkbar
macht.
3. Phobien
Diese Angststörung wird als eine unvernünftige, sich entgegen besserer
Einsicht zwanghaft aufdrängende Angst vor bestimmten Gegenständen
oder Situationen definiert. Es werden die folgenden Erscheinungsformen unterschieden:
Agoraphobie (Platzangst):
Bei dieser Störung besteht Angst vor solchen Situationen, in denen sich
der Betroffene außerhalb seiner gewohnten Umgebung aufhält. Typische
Situationen sind der Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen oder in
Menschenmengen und weite Entfernung von zu Hause. Der Patient fürchtet
in solchen Situationen, nicht flüchten zu können, wenn die hilflosmachenden
oder peinlichen Symptome wie Schwindel oder Verlust der Blasenkontrolle auftreten.
Infolge dieser Befürchtungen meidet der Patient die angstauslösenden
Situationen, was eine zunehmende Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit
zur Folge hat. Agoraphobie tritt häufig in Verbindung mit einer Panikstörung
auf.
Soziale Phobie:
Ein Patient, der unter dieser Störung leidet, hat anhaltende, starke
Angst vor Situationen, in denen er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.
Eine typische Situation ist das Halten eines Vortrags vor Publikum. Der Betroffene
weiß, dass die Angst unvernünftig und übertrieben ist, kann
sich aber kaum dagegen wehren und versucht deshalb, die angstauslösenden
Situationen zu vermeiden. Die soziale Phobie tritt häufig in Verbindung
mit niedrigem Selbstwertgefühl und Furcht vor Kritik auf. Typische Symptome
sind Erröten, Vermeidung von Blickkontakt, Händezittern, Übelkeit
und Harndrang.
Spezifische Phobie:
Diese Störung wird durch die anhaltende Angst vor einem spezifischen
Objekt oder einer bestimmten Situation gekennzeichnet Die häufigsten
Formen sind: Angst vor Tieren, insbesondere vor Hunden, Insekten, Schlangen
oder Mäusen, Angst vor Blut, Angst vor geschlossenen Räumen, Höhenangst,
Flugangst oder Angst vor Ansteckung. Diese Ängste sind auch in der Normalbevölkerung
weit verbreitet, sie werden erst dann als krankhaft bezeichnet, wenn sie den
Tagesablauf, die üblichen sozialen Aktivitäten oder Beziehungen
beeinträchtigen oder erhebliches Leid verursachen. So kann es z.B. sein,
dass ein Patient aus Angst, auf der Straße einem Hund zu begegnen, nicht
mehr allein das Haus verlässt.
Verlauf
Die Agoraphobie verläuft häufig chronisch. Erwartungsangst und Vermeidungsverhalten
sind besonders stark ausgeprägt. Auch soziale Phobien können, wenn
sie nicht behandelt werden, chronisch werden. Schlimmstenfalls kommt es zu
einer vollständigen Isolierung des Betroffenen. Patienten die unter einer
sozialen Phobie leiden sind besonders anfällig für Alkohol- oder
Medikamentenmissbrauch. Bei spezifischen Phobien hängt die Prognose von
dem Erkrankungsalter ab. In der Kindheit erworbene Phobien klingen meist ohne
Behandlung ab, bei späterer Erkrankung bleibt die Phobie meist bestehen.
Bei einer Panikstörungen kann es zu Phasen kommen, in denen die Panikattacken
seltener auftreten, dann kann die Häufigkeit der Attacken aber wieder
ansteigen (bis zu mehrfach pro Woche oder sogar täglich). Die Störung
bleibt meist über Jahre in unterschiedlicher Intensität bestehen.
Häufig sind mit dieser Störung depressive Symptome verbunden. Auch
die generalisierte Angststörung kann, ohne Behandlung, über Jahre
oder Jahrzehnte bestehen bleiben. Hier ist allerdings die Beeinträchtigung
der sozialen Anpassung und der beruflichen Leistungsfähigkeit meist schwächer
ausgeprägt als bei anderen Angststörungen.
Therapie
Die Behandlung besteht vorzugsweise aus dem Erlernen von Entspannungstechniken und einer Psychotherapie. Kognitive Therapie, Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologische Verfahren, Sozialtherapie. Medikamente wie Beruhigungsmittel und Betablocker können zusätzlich hilfreich sein.
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