Borderline-Störungen
Borderline-Störungen, auch als Borderline-Syndrom bezeichnet, gehören
zu der diagnostischen Gruppe der Persönlichkeitsstörungen. Diese
Diagnose wird dann gestellt, wenn sich bei einer Person anhaltende und weitgehend
gleichbleibende Verhaltensmuster zeigen, die durch starre unangemessene Reaktionen
in unterschiedlichen persönlichen und sozialen Lebenslagen gekennzeichnet
sind. Problematisch bei dieser Diagnose ist, dass nicht einzelne Verhaltensweisen
als "Störung" bezeichnet werden wie bei anderen psychischen
Erkrankungen (z.B. Angststörungen), sondern eine Beurteilung der Person
an sich erfolgt. Auch sind die Grenzen von persönlichen "Macken"
(bzw. hervorstechenden Persönlichkeitseigenschaften) zu einer gestörten
Persönlichkeit oft schwer zu ziehen. Deshalb sollte diese Diagnose nur
gestellt werden, wenn die sozialen Beziehungen des Betroffenen so stark beeinträchtigt
werden, dass die berufliche und private Leistungsfähigkeit deutlich herabgesetzt
ist. Meist entsteht für diese Personen erhebliches persönliches
Leid.
Die Borderline-Persönlichkeitsstörungen zeichnen sich durch ein
fortlaufendes Muster von Instabilität in sozialen Beziehungen, im Selbstbild
und der Stimmung aus. Der Borderline-Begriff entstand aus der Annahme, dass
sich diese Störungen im Grenzbereich zwischen Neurose und Psychose bewegen,
da die Betroffenen neben einer gestörten Charakterstruktur auch vereinzelt
psychotische Symptome, wie z.B. Verfolgungsideen zeigen.
Symptome
Im Zentrum der Borderline-Persönlichkeitsstörung stehen Schwierigkeiten
bei der Regulation von Gefühlen, diese können sich auf verschiedenen
Ebenen zeigen:
• Die Betroffenen sind oft verzweifelt bemüht, tatsächliches
oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden. Dabei werden z.B. schon zeitlich
begrenzte Trennungen oder auch minimale Verspätungen des anderen als
sehr bedrohlich empfunden und lösen starke Ängste aus. Häufig
schätzen sich die Betroffenen selbst als "böse" ein, weil
sie "doch schließlich" verlassen worden sind.
• Bei den betroffenen Personen findet sich oft eine Abfolge intensiver,
aber häufig wechselnder Beziehungen. Dabei zeigt sich am Anfang einer
Beziehung meist eine starke Idealisierung des Anderen, die dann sehr schnell
durch eine Abwertung derselben Person abgelöst werden kann, wenn diese
der Erwartung "immer für den anderen da zu sein" nicht genügt.
• Die Wahrnehmung und Einschätzung der eigenen Person ist bei den
Betroffenen sehr wechselhaft. Diese Identitätsstörung zeigt sich
z.B. in einem häufigen Wechsel von Berufswünschen oder Wertvorstellungen.
Im Selbstbild sehen sie sich oft als "böse" oder "sündig"
oder haben zeitweise, insbesondere bei angenommenem "Verlassensein"
das Gefühl, gar nicht zu existieren.
• Ein weiteres Kennzeichen der Borderline-Persönlichkeitsstörung
ist die Neigung zu selbstgefährdendem Verhalten. Dies zeigt sich zum
einen in einer starken Impulsivität in Bereichen, die potentiell selbstschädigend
sind, so z.B. riskantes Autofahren, Glücksspiel, Fressanfälle oder
Drogenmissbrauch, aber auch indirekter in Selbstverletzungen, z.B. indem man
sich selbst Schnitte oder Brandwunden zufügt oder in Selbstmordandrohungen
und -versuchen. Diese selbstschädigenden Handlungen stehen oft im Zusammenhang
mit dem Versuch, ein "Verlassenwerden" zu vermeiden, können
aber auch als eine Art von "Strafe" für die eigene "Sündigkeit"
dienen oder den Betroffenen helfen, sich selbst wieder zu spüren.
• Die Gefühlslage der Betroffenen ist sehr wechselhaft, so kommt
es bei eher gedrückter Grundstimmung zu Perioden von starker Erregbarkeit,
Angst oder Verzweiflung. Diese sind häufig Ausdruck der Neigung, sehr
schnell und extrem auf zwischenmenschliche Belastungen zu reagieren. Insbesondere
wenn der Betroffene Vernachlässigung oder Zurückweisung erlebt,
kommt es oftmals zu Wutausbrüchen, die für die Betroffenen kaum
zu kontrollieren sind.
• Menschen mit einer Borderline-Störung klagen weiterhin vielfach
über ein anhaltendes Gefühl innerer Leere; sie leiden unter einem
quälenden Gefühl der Langeweile und sind häufig auf der Suche
nach einer Beschäftigung.
• Unter extremen Belastungen, wie z.B. unter Drogeneinfluss oder bei
einem tatsächlichen oder erwarteten Verlassenwerden, können vorübergehend
Verfolgungsideen oder so genannte dissoziative Symptome, wie beispielsweise
veränderte Wahrnehmung der eigenen Person oder des eigenen Körpers
oder eine Schmerzunempfindlichkeit auftreten.
Grundlagen und Ursachen
Nach Ansicht früher psychoanalytischer Erklärungsmodelle handelt
es sich bei der Borderline-Störung um eine Frühstörung. Das
bedeutet, dass bei den Betroffenen Strukturen und Denkmuster bestehen geblieben
sind, die typisch sind für die frühe Kindheit. In dieser Zeit stehen
Hass- und Neidkonflikte im Vordergrund, es besteht noch keine differenzierte
Wahrnehmung der eigenen oder fremder Personen, sondern eine starre Bewertung
von Menschen als "ganz gut" oder "ganz böse".
In den letzten Jahren wurde zunehmend der Einfluss von Missbrauchserfahrungen
bei der Entstehung von Borderline-Störungen untersucht. So zeigt sich,
dass 81% aller Borderline-Patienten über schwere traumatische Erlebnisse,
wie sexuellen oder körperlichen Missbrauch oder dem Miterleben von extremer
häuslicher Gewalt, berichten.
Dabei ist in vielen Fällen der misshandelnde Täter eine wichtige
Bezugsperson, so dass die Betroffenen mit dem Widerspruch konfrontiert werden,
dass eine geliebte Person, die schützen sollte, identisch ist mit der
Person, vor der man selbst Schutz bedarf. In diesem Widerspruch ist es für
das Opfer nur schwer möglich, seine angemessenen Reaktionen von Wut und
Ekel gegenüber der Bezugsperson wahrzunehmen und zu äußern.
Möglicherweise kehren sich diese negativen Gefühle dann gegen die
eigene Person, so dass der Missbrauch durch die eigene "Schlechtigkeit"
gerechtfertigt werden kann. Missbrauchserfahrungen können auch die spätere
Beziehungsgestaltung entscheidend prägen: Das gleichzeitige Erleben unvereinbarer
Emotionen, wie z.B. die Zärtlichkeit des Täters verbunden mit der
gleichzeitigen Angst vor ihm, dazu das Gefühl, bevorzugt zu werden, aber
auch mit Scham verbunden, lässt die Betroffenen auch später im Umgang
mit anderen zwischen extremen Polen hin und her schwanken.
Aber nicht bei allen Personen, die unter Borderline-Störungen leiden,
liegen Missbrauchserfahrungen vor. Allen Betroffen scheint aber gemeinsam
zu sein, dass sie in einem invalidierenden Umfeld aufgewachsen sind. Das heißt,
sie haben nicht gelernt, adäquat mit schwierigen Situationen oder negativen
Gefühlen umzugehen. Ein typisches erlerntes Verhaltensmuster könnte
z.B. sein, als "gutes" Kind nie wütend sein zu dürfen.
.
Verlauf
Der Verlauf der Borderline-Störungen ist oft chronisch, neben anhaltender
Instabilität in verschiedenen Bereichen kommt es häufig zu Phasen
von emotionalem Kontrollverlust. Aufgrund störungsbedingter Probleme,
wie bei Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen und selbstschädigendem
Verhalten, ist die Behandlung für beide Seiten oft schwierig und es kommt
häufig zu mehrfachem Therapeutenwechsel. Mit fortschreitendem Alter nimmt
die Intensität der Störung meist ab, so dass viele Betroffene ab
dem 30.-40. Lebensjahr eine größere Stabilität sowohl in ihren
Beziehungen als auch im Beruf erreichen.
Therapie
Therapie von Borderline-Störungen steht zunächst die Stabilisierung im Alltag im Vordergrund, bevor die traumatischen Erfahrungen bearbeitet werden können.
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