MultiplePersönlichkeitsstörung, Dissoziative Identitätsstörung


Die Dissoziative Identitätsstörung - besser bekannt als Multiple Persönlichkeitsstörung - ist bis heute eine der umstrittensten psychiatrischen Diagnosen. Sie bezeichnet das Vorhandensein von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen, die wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der betroffenen Person übernehmen. Die Erkrankung wird meist von einer Reihe anderer Symptome begleitet, so dass es häufig zu Fehldiagnosen kommt. Als Ursache für die Dissoziative Identitätsstörung wird wiederholter Missbrauch in der Kindheit angenommen. Die Aufspaltung in zwei oder mehr Teilidentitäten kann als Versuch verstanden werden, mit dem erlebten Trauma zurechtzukommen: Das reale Geschehen wird vom Bewusstsein abgetrennt. Die Behandlung der Multiplen Persönlichkeitsstörung ist meist langwierig. Ziel ist es, eine größtmögliche Stabilisierung des Betroffenen zu erreichen. Neben der Alltagsbewältigung stehen dabei das Kennenlernen und die Kooperation der Teilidentitäten untereinander im Vordergrund. Soweit möglich, sollte die Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse in die Therapie mit einbezogen werden. Eine Integration und Verschmelzung der Teilidentitäten wird von vielen Betroffenen als Therapieziel abgelehnt.
Oft werden in der Alltagssprache Multiple Persönlichkeitsstörung und Schizophrenie fälschlicherweise gleichgesetzt: Während es bei Schizophrenen im Rahmen eines Größenwahns zu einer Identifikation mit einer anderen Person kommen kann, existieren bei der Dissoziativen Identitätsstörung zwei oder mehr Persönlichkeiten in einer Person. Auch sprechen Personen, die unter einer Dissoziativen Identitätsstörung leiden, nicht auf dieselben Medikamente an, die in der Behandlung von Schizophrenie eingesetzt werden.


Grundlagen und Ursachen


Der Begriff "Dissoziative Identitätsstörung" beinhaltet schon die Grundannahme zur Entstehung dieser Erkrankung: Dissoziieren bedeutet trennen, auflösen. Dissoziation bezeichnet den Prozess, in dem Teile des Erlebten von anderen inhaltlich getrennt werden, wenn das Erlebte ein Übermaß an Angst, Schmerz oder Trauer verursacht.
Grundlage der Entstehung einer Dissoziativen Identitätsstörung ist also das Erleben eines schweren Traumas in der frühen Kindheit. Es wird angenommen, dass schon zu diesem frühen Zeitpunkt die Aufspaltung in verschiedene Persönlichkeitsanteile beginnt: Ein Kind erlebt fortgesetzt Gefahr und Erniedrigung, denen es nicht entfliehen kann. Auch kann es nicht um Hilfe rufen, denn meist ist es ein naher Angehöriger, der ihm dieses Leid zufügt und es wurde ihm gedroht, nichts von den Erlebnissen zu erzählen. Um nun diese Situation überstehen zu können, wird es einen Mechanismus entwickeln, um dem Schmerz zu entfliehen: Das reale Geschehen wird vom Bewusstsein abgetrennt; das Kind "denkt" sich aus der Situation hinaus. Dieser Prozess geschieht unbewusst und kann von den Betroffenen nicht gesteuert werden. Um die wiederholte Traumatisierung überstehen zu können, spalten die Betroffenen sich in zwei oder mehr Identitäten auf: Jede übernimmt bestimmte Funktionen in den jeweiligen Situationen und kann in einer ähnlichen Situation wieder zum Vorschein kommen. In besonders bedrohlichen Situationen wird die Informationsweiterleitung im Gehirn z.T. blockiert. Zum Schutz der Person arbeiten einige Hirnregionen nicht weiter - so wird der Betroffene auch vor Erinnerungen an die belastende Situation geschützt. Dieser Schutzmechanismus funktioniert aber nicht vollständig, so dass später auch scheinbar neutrale Reize (z.B. die gleiche Tapete wie im Kinderzimmer) einschießende Gedanken hervorrufen können, die an die belastenden Erlebnisse erinnern. Die Dissoziation löst im System der Teilpersönlichkeiten bei vielen Betroffenen einen großen inneren Druck aus. Häufig wird dann selbstverletzendes Verhalten eingesetzt, um diesen Druck abzubauen und den Kontakt zur Realität wieder herzustellen.

Symptome


Das Erscheinungsbild der Dissoziativen Persönlichkeitsstörung ist sehr vielfältig. Gemeinsames Merkmal der verschiedenen Erscheinungsformen ist, dass zwei oder mehr (manchmal bis zu 100) voneinander unterscheidbare Identitäten oder Persönlichkeitszustände in einer Person existieren. Von diesen übernehmen mindestens zwei wiederholt die Kontrolle über das Verhalten. Die Person, die den Großteil des normalen Alltags bestreitet, wird als "Host" (englisch: Gastgeber), die Teilpersönlichkeiten als "Alters" (sinngemäß: anders, verändert) bezeichnet. Bei allen Betroffenen treten Gedächtnislücken auf. Der Host ist sich der anderen Persönlichkeitszustände nur teilweise bewusst, so dass er sich auch nicht an deren Handlungen erinnert. Viele Betroffene berichten, dass sie manchmal nicht wissen, wie sie an den Ort gekommen sind, an dem sie sich befinden; wer die Person ist, die sie eben gegrüßt hat oder wer den Einkaufszettel auf ihrem Tisch geschrieben hat. Die verschiedenen Identitäten unterscheiden sich meist deutlich: Sie haben verschiedene Namen, unterschiedliche Vorlieben und Verhaltensweisen Es zeigen sich auch physiologische Unterschiede, so kann z.B. eine Teilpersönlichkeit allergisch auf eine Substanz reagieren, die andere aber nicht. Die Charaktereigenschaften des so genannten Alters stehen häufig im Gegensatz zur primären Person (dem Host). Das Ausmaß, in dem die verschiedenen Identitäten untereinander kooperieren (d.h. untereinander Zugriff auf die Erinnerungen und Handlungen haben und den Wechsel der Teilpersönlichkeiten koordinieren können), ist bei den Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt.
Im Rahmen der Dissoziativen Identitätsstörung treten häufig eine Reihe von Begleitsymptomen auf:
• Depressionen
• Erinnerungsbilder von traumatischen Erfahrungen ("Flashbacks"), die oft durch scheinbar "neutrale" Reize ausgelöst werden (häufig werden deshalb in Texten zur Dissoziativen Identitätsstörung mögliche Reizwörter durch "*" maskiert, so z.B. s*xuelle M*sshandlung)
• Ängste
• Selbstverletzendes Verhalten und Suizidversuche
• Aggressionen
• Kopfschmerzen
• Alkohol- oder Drogenmissbrauch
• Essstörungen
• Zwanghaftes Verhalten
• Stimmen (der anderen Teilpersönlichkeiten) hören


Therapie


Förderung der Kommunikation und Zusammenarbeit der verschiedenen Teilidentitäten. Es geht dabei darum, die verschiedenen "Alters" kennen zu lernen, jedes einzelne ernst zu nehmen, ihre Beziehungen untereinander zu klären und eine gegenseitige Unterstützung (z.B. im Umgang mit Erinnerungsbildern) aufzubauen.
In der anschließenden Phase sollte schonende Bearbeitung des Traumas stattfinden. Dies erfordert ein besonders vorsichtiges Vorgehen, da der Patient darin unterstützt werden soll, sich den belastenden Erinnerungen zu stellen, ohne zu dissoziieren. Ziel ist es dabei, das Erlebte als Bestandteil der Vergangenheit anzunehmen, ohne dass alte Auslösereize immer weiter die belastenden Erinnerungsbilder auslösen. In der abschließenden Phase wird die Integration und Verschmelzung der Teilidentitäten angestrebt. Ziel dabei ist es, dass der Betroffene sich wieder als eine einzelne Person erleben kann und lernt, seine Vergangenheit als Teil seines Lebens zu akzeptieren. Dabei ist es wichtig zu beachten, ob der Betroffene diese Integration als Therapieziel anstrebt und gegebenenfalls seine Wahl, seine Identitätsvielfalt beizubehalten, zu respektieren.

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